
Oberstdorf › Dorf › Tradition
Schuhmacher mit Geschichte
Es gibt längst keine Werkstatt mehr, wo in den besten Zeiten der Meister Franz Schratt, der Erfinder des Haferl Schuhs mit 30 Gesellen und Lehrlingen Schuhwerk für Könige und Generäle, Industrielle und Einheimische fertigte.
Das dem Huf einer Gämse nachempfundene derbe Schuhwerk der Trachtler, welches der im Bergbauerndorf ansässige Franz Schratt zu Napoleons Zeiten in mühseliger Handarbeit nähte, trat einen Siegeszug durch die Welt an. Bis nach Japan eroberte der rustikale Treter als Mode-Trendsetter die Trottoirs. Für die Urform des „Haferl-Schuhs“ bestand indes kein Erstgeburtsrecht. Jeder tüchtige Meister durfte sich mit eigenen „Grobgenähten“ an die Sohlen des Erfinders heften.
Es war erst der Enkel, nämlich der sammelwütige Josef, der von dem Erfindungsreichtum seines Ahns profitierte. Als Meister seines Faches auch in der Reklame heimste er bald Auszeichnungen in aller Welt ein und band adelige Kundschaft in halb Europa an sich.
Nicht nur Bayerns letzter König, Ludwig III., ließ sich ein in der eigenen Gerberei butterweich getrimmtes Fußleder samt Gamaschen anpassen. Sondern auch die Königin der Niederlande, die Könige von Württemberg und Sachsen, der Herzog von Kalabrien und Hundertschaften von Großherzögen, Fürsten, Prinzen und Grafen nebst Gemahlinnen promenierten in den Schuhen des Schusters aus dem Bergbauernort.
Nicht umsonst wurde Schratt der Titel „Schuhmacher der Könige“ verpasst. Er war aber auch ein „König der Schuhmacher“, wie seine vielen Goldmedaillen besagen. Es muss die Verarbeitung gewesen sein, welche die Produkte so begehrlich machten. Es waren perfekte Schuhe mit irrsinnigen Nähten.
Eigentlich zog Josef Schratt, ein Nachkomme von Franz Schratt, gleich zweimal den größten Schuh der Welt übern Leisten, zuerst 1930 und dann nochmals 1950. Vor der Premiere hatte das Hausmädchen zunächst die Kreidezeichnung auf dem Werkstatt-Fußboden als „Geschmier“ fein säuberlich aufgewischt. Dies konnte den eifrigen Meister aber nicht hindern. Ebenso wenig ein amerikanischer Botschafts-Attaché, der den Rekord für seine USA reklamieren wollte. Weil nach dem Zweiten Weltkrieg Leder knapp war, zerlegte Schratt sein erstes Titanenstück. Wenige Jahre später schnürte er einen noch gewaltigeren Weltrekord-Schuh, der bis heute im Heimatmuseum steht.





