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Oberstdorf › Natur › Landwirtschaft
Das Aufblühen der Allgäuer Milchwirtschaft
Wie entstand die Käsküche Deutschlands?
Die große Agrarpolitik, verbunden mit währungspolitischen Maßnahmen, drängt immer mehr unserer Familienbetriebe an den Rand der Existenz. Die Aufgabe ihrer Betriebe würde aber nicht nur die Bauern selbst treffen und das Heer potenzieller Arbeitsloser vergrößern, sondern auch die Allgemeinheit, die im Allgäu umfangreich von und durch die Kulturlandschaft lebt.
Unwillkürlich gehen die Gedanken zurück an den Anfang der Milchwirtschaft in unserer
Region. Eigentlich ist es erst 160 Jahre her, dass sie innerhalb weniger Jahrzehnte in einer
begeisternden Art aufgeblüht ist.
Wie kam es dazu?
Natürlich hat es im Allgäu von Anfang an eine bescheidene Art von Weidewirtschaft mit Milchviehhaltung gegeben. Aber daneben hat sich bis ins 19. Jahrhundert hartnäckig der
Ackerbau gehalten, obwohl er weder vom Klima her noch von der Bodenbeschaffenheit als bodenständig anzusehen war. Die Erträge waren dementsprechend. 1765 gaben die Bekenntnistabellen“ des Amtes Gebrazhofen einen Ertrag bei Dinkel an, der gerade dreimal so groß wie die Aussaatmenge war. Im vorherrschenden System der Dreifelderwirtschaft musste jeweils 1/3 des Landes unbebaut bleiben. Es "erholte“ sich zwar, wurde aber zum ständigen Unkrautbestand. Flurzwang und Weideordnung ketteten die Bauern auf Gedeih und Verderb aneinander. Noch 1817 schrieb Dismas Gebhard in seiner Schrift über Güterarrondierung: „Hier hauset eine Tyrannei mit furchtbarem Drucke. Der einsichtvolle Landwirt kann auf den zerstreuten Grundstücken seien Kenntnisse nicht anwenden, stets muss er seinen Gang nach dem eines langsamen und faulen Nachbarn richten.“ Bei der Tierhaltung fällt auf, dass die Milcherträge der Kühe oft nicht weit über die Versorgung des Kalbes hinausreichten. Dementsprechend lagen die Preise der Kühe niedriger als die der Schweine (15 Gulden gegen 25 Gulden), auch Stiere und Ochsen
kosteten mehr.
Warum blühte die Milchwirtschaft nicht schon früher auf?
Da sie voll an Grünlandwirtschaft gekoppelt war, muss man sich daher fragen: Warum gab es vor 1830 keine intensive Grünlandwirtschaft?
Folgende Gründe werden dafür angeben:
Weidewirtschaft kann nur auf größeren, zusammenhängenden Grünlandflächen betrieben werden. Diese aber gab es vor der Vereinödung nicht, vielmehr herrschten Streifenflur und Gemengelage vor.
Flurzwang und Weidedienstbarkeit standen einer Verbesserung der Milchwirtschaft grundsätzlich im Wege.
Der tägliche Viehtrieb durch die um das Dorf liegenden Äcker zu den am Rand der Flur kümmernden Grünflächen war äußerst erschwert.
Wiesen und Weiden galten als „Armer Leute Besitz“, ihnen wurde keinerlei Bedeutung zugemessen.
Haltbare Produkte aus der Milch gab es im heutigen Sinne nicht. Die Käse waren von minderer Qualität und geringer Haltbarkeit. Der Handel mit ihnen brachte kein Geld in
die Kassen.
Was also führte zur großen Wende?
Hier muss man an erster Stelle die Vereinödung erwähnen. Diese größte bauliche Initiative zur Selbsthilfe, die es je gab, bescherte den Bauern jene Agrarstruktur, die es ihnen endlich ermöglichte, große Flächen, noch dazu in der Nähe ihres Hofes, zu bewirtschaften. Die Vereinödung brachte im Einzelnen:
- Die Aufhebung des Flurzwangs und der Weidedienstbarkeiten.
- Eine Arrondierung der Flächen.
- Die Einführung der Vierfelderwirtschaft (zunächst wurde der Ackerbau noch beibehalten).
- Die Intensivierung der Agrarwirtschaft (wechselweise Nutzung Acker/Wiese).
- Die Erhöhung der Nutzung auf dem Grünland und damit eine Erhöhung der Intensität der Bewirtschaftung.
Dies war vor der Vereinödung alles nicht geschehen. Ein weiterer Grund zur Umgestaltung der Agrarstruktur war die Tatsache, dass gegen Ende des 18. Jahrhunderts in England der mechanische Webstuhl erfunden wurde, mit dessen Hilfe es gelang, Leinentücher wesentlich schneller und billiger zu produzieren. Dadurch verlor der Flachsanbau im Allgäu völlig die wirtschaftliche Bedeutung, die er Jahrhunderte lang gehabt hatte. Da es zu den Einnahmen des Flachsanbaus keine entsprechende Alternative gab, setzte gegen Ende des 18. Jahrhunderts eine Verarmung ohne Beispiel im Allgäu ein. Aus dieser Lage ist auch der Begriff des „Notwenders“ Carl Hirnbein zu verstehen.
Die Milchwirtschaft blüht auf!
Die aufblühende Milchwirtschaft bescherte den Bauern nun monatliche Einnahmen. Als Ackerbauern hatten sie jährlich nur einmalige Erträge, die Geld in die Kassen brachten.
Damit den Rest des Jahres zu haushalten, war sicherlich sehr schwierig. Monatliche Einnahmen dagegen kurbelten die notwendigen Investitionen an. Ein weiterer Punkt, der für
das Aufblühen der Allgäuer Milchwirtschaft sprach, waren die einsetzende Verkehrserschließung (Eisenbahnbau) und die Herstellung einer guten Käseware (Althaus, Hirnbein), die dann zu den großen Marktzentren gebracht werden konnten. Johann Althaus zeigte ab 1827, wie man große und haltbare Emmentalerlaibe herstellen konnte, Carl Hirnbein führte
eine qualitativ hochwertige Weichkäserei ein. Der Handel blühte auf. Eine der Folgen davon war die Umwandlung von Galt in Sennalpen. Deren Werte stiegen drastisch an. So wurde die Alpe Laufbichel im Jahre 1853 mit 4.700 Gulden eingeschätzt, zehnmal so viel, wie sie vorher als Galtalpe gebracht hatte. Alpsennereien schossen wie Pilze aus dem Boden, die Initialzündungen für die Milchwirtschaft hatten allesamt gewirkt.
Allgäuer Vieh, manchmal auch Importe aus Tirol, Vorarlberg oder der Schweiz züchterisch verbessert, brachte durch die einsetzende konsequente Zucht einen immer höheren Milch-
ertrag mit entsprechenden Einnahmen. Nicht zuletzt waren es also auch die Errungenschaften der sich ständig verbessernden Agrarwissenschaft, die das ihre zum Aufblühen beitrugen. Man nahm sich nun des Grünlands voll an, führte Schulen und Schulungen ein und erkannte, wissenschaftlich fundiert, die Rolle des Allgäus als Milch- und Käseküche Deutschlands.
So war das einstmals. Hoffen wir zu unser aller Gunsten, dass möglichst viele Bauern dem Allgäu erhalten bleiben, denn ohne sie wäre der Niedergang der ländlichen Kultur und der Landschaft nicht aufzuhalten.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
Dr. Peter Nowotny









