Das Allgäuer Braunvieh

Schönheiten in der Kuhwelt

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Einem Mann namens Karl Hirnbein..

ist es vorrangig zu verdanken, dass bei uns im Allgäu seit dem 19. Jahrhundert die Milchwirtschaft einen so hohen Stellenwert hat.

Noch im 18. Jahrhundert

lebten die meisten Bewohner des Allgäus von der Weberei und dem Flachsanbau (Lein). Die Geschäfte liefen nicht mehr, die Konkurrenz aus anderen Landesteilen war zu groß und eine wirtschaftliche Not brach über das Land herein. Karl Hirnbein suchte einen Ausweg aus der Notlage. Käsereien und Sennalpen wurden gegründet und aus dem ehemaligen "Blauen Allgäu" wurde nun das "Grüne Allgäu". Die damals gezüchteten Tiere der Rasse "Allgäuer Braunvieh" entsprachen noch dem Urtyp dieser Rasse (kleine, kräftige, robuste Tiere).

Heutzutage haben die meisten der nunmehr gezüchteten Tiere das Blut amerikanischer Zuchtlinien in sich. Von diesen Kreuzungen versprach man sich eine noch bessere Milch- und Mastleistung. Reinrassige Allgäuer Braunviehtiere existieren noch einige hundert. Um diese Zuchtlinie nicht aussterben zu lassen, wird diese in besonderen Zuchtprogrammen zusätzlich gefördert und wieder reinrassig gezüchtet.

Das Braunvieh hat seine Hauptverbreitung im süddeutschen Voralpengebiet, der viehstärksten Gegend Deutschlands. Insgesamt umfasst die Gesamtpopulation 670.000 Stück, darunter ca. 340.000 Milchkühe.

Diese Rasse zeichnet sich aus durch ihre hervorragende Anpassungsfähigkeit an verschiedene Klimaregionen, die hervorzuhebende Langlebigkeit und die hohe Lebensleistung an Milch. Aufgrund der Robustheit dieser Rasse (kräftige Tiere mit harten Klauen) wird sie bevorzugt in unseren Breitengraden gehalten.

Das Jungvieh (Jungtiere bis zur ersten Kalbung) verbringt den Sommer (Juni/Juli bis September) auf den umliegenden Alpen. Hier erhalten diese Tiere bestes Berggras mit den entsprechenden Kräutern. Mancher mag sich fragen, warum die geälpten Tiere sog. Weideschellen (Glocken) tragen. Diese Frage ist ganz einfach zu beantworten. Der Hirte hört schon am Klang der Schelle, wohin sich einzelne Tiere der Herde entfernt haben, kann diese leichter orten und zurückholen. Viele Hirten erkennen diverse Tiere sogar am Klang einer einzelnen Schelle. Im Herbst werden die verschiedenen Jungviehalpen in Oberstdorf und Schöllang zum Abschluss der Bergsaison auf dem Viehscheid erwartet. Dieser Tag ist für Bauern wie auch Hirten ein Festtag. Zu diesem Anlass werden die Jungtiere mit großen Zugschellen (große Glocken) geschmückt. Jede Herde (Alpe), welche im vergangenen Bergsommer keinen Verlust zu verzeichnen hatte, wird von einem Kranzrind angeführt. Dieses Rind wird noch zusätzlich durch einen prachtvoll gebundenen Kranz geschmückt. Die Älpung der Jungtiere ist ein wesentlicher Baustein in der Entwicklung des Tieres, bis es mit der ersten Kalbung zum ersten Mal gemolken wird.

Die Braunviehkuh wird zwischen 1,40 m und 1,50 m groß und erreicht ein Gewicht von 600 bis 850 kg. Bei der Braunviehzucht wird besonderer Wert auf die Inhaltsstoffe der Milch (vorrangig Eiweißgehalt), gute Melkbarkeit, regelmäßige Fruchtbarkeit und eine hohe Langlebigkeit gelegt. Ein Landwirt erwartet von einer guten Durchschnittskuh ab dem dritten Lebensjahr jährlich ein Kalb und entsprechend 5.000 bis 6.000 Liter Milch mit ca. 4% Fett- und 3,5% Eiweißgehalt. Hierzu muß man wissen, daß eine Kuh ca. 10 bis 11 Monate 2 x täglich Milch gibt. 6 bis 8 Wochen vor der nächsten Kalbung wird das tragende Tier trocken gestellt, d.h. die Kuh wird nicht mehr gemolken, die Milchproduktion wird durch das Tier eingestellt. Kurz vor dem Trockenstellen nimmt die Milchleistung in der Regel naturgemäß automatisch ab.

In diesen 6-8 Wochen soll sich die Kuh erholen, an Gewicht etwas zulegen und sich körperlich auf die Geburt meistens eines Kalbes (Zwillingsgeburten sind seltener) vorbereiten. Allgemein nicht bekannt ist, dass eine Kuh regelmäßig (alle 1 bis 1 1/2 Jahre) ein Kalb zur Welt bringt. Wäre dies nicht der Fall, gäbe die Kuh nicht genügend Milch und die Einnahmen des Landwirtes wären nicht mehr gesichert.

Wegen der ohnehin schlechten Milchpreise, welche durch die milchverarbeitenden Betriebe an unsere Bauern ausbezahlt werden, ist es den meisten Bauern auch nicht möglich, die Landwirtschaft im Vollerwerb zu betreiben. Die meisten Höfe in unserer Gegend werden im Nebenerwerb betrieben, d.h. die Einnahmen aus der Landwirtschaft sind als Zweiteinkommen zu sehen, der Landwirt geht noch einer weiteren Erwerbstätigkeit nach.

In Oberstdorf und dem Kleinwalsertal vermieten über 80 % der Landwirte Ferienwohnungen und Gästezimmer an Feriengäste. Sehr beliebt ist hier der Urlaub auf dem Bauernhof. Für Erwachsene und Kinder ein unvergessliches Erlebnis. Mit etwas Glück kann der Gast vielleicht sogar die Geburt eines Kalbes miterleben.

Nach einer Tragzeit von ca. 9 Monaten und 10 Tagen bringen Kühe ihre Kälber auf die Welt. Meistens ist der Bauer anwesend und greift, - wenn nötig - helfend ein. In der Regel gibt es bei der Allgäuer Braunviehrasse keine Komplikationen während der Kalbung. Das Neugeborene erhält sofort nach der Geburt die sog. Biestmilch. Diese nach dem Trockenstellen erstmals durch die Kuh wieder produzierte Milch ist meist zähflüssig und ähnelt einem Kakaotrunk. Diese erste Milch ist für das neugeborene Kalb lebensnotwendig, da das Immunsystem gestärkt wird. Abhängig von der Milchleistung und der Gesundheit der Mutterkuh und der guten Vererbung des Vatertieres (Stier) entscheidet der Landwirt, ob das Kalb als Zucht- oder Masttier aufgestellt wird.

Im ersten Lebensjahr bezeichnet man ein Jungtier als Kalb, im zweiten ein weibliches als Kalbin und im dritten (ab der 1. Trächtigkeit) als Rind. Vielfach wird diese Rasse in der Mutterkuhhaltung eingesetzt, d.h. der Landwirt lässt seine Kuh kalben und belässt das Kalb bei seiner Mutter. Diese extensive Viehhaltung bringt für den Landwirt viele Vorteile mit sich. Zunächst muß das Muttertier nicht mehr täglich zweimal gemolken werden und im Sommer können die Tiere Tag und Nacht auf geeigneten Viehweiden mit Baumbestand oder sonstigen Unterständen gehalten werden. Die durch diese Viehhaltung gewährten staatlichen Zuschüsse sind für den Landwirt nicht uninteressant. Der Absatzmarkt für das produzierte Biofleisch ist gesichert und der Landwirt kann diese Form der Hofbewirtschaftung bestens im Nebenerwerb betreiben.

Im Durchschnitt beträgt das Abgangsalter einer Kuh 6,7 Jahre. Allerdings ist hervorzuheben, dass ca. 38% des Milchviehbestandes in unserem Raum über 6 Jahre alt ist, d.h. das Allgäuer Braunvieh hat die längste Nutzungsdauer aller Intensivrassen in Deutschland.Die hiesigen Bauern kennen jedes ihrer Tiere beim Namen, mit allen seinen Schwächen (nicht leistungsbezogen). Daher herrscht meist auch eine enge Beziehung zwischen Mensch und Tier. So mancher Landwirt muss sich eine Träne verkneifen, wenn eine Kuh nach 10 Jahren und mehr den heimatlichen Stall für immer verlassen muss. Wenn auch selten, es gibt Landwirte, welche einem Tier im Stall (alle wirtschaftlichen Aspekte außer Acht gelassen) das Gnadenbrot gewähren. Dies alles sind Gründe warum ca. 33% der Nachzuchten in das Ausland exportiert werden. Dort werden mit diesen Tieren neue Zuchtgruppen zusammengestellt.

Die meisten dieser positiven Aspekte für diese Rasse sind sicher auf die verantwortungsbewußte Bewirtschaftung der Höfe im Allgäu zurückzuführen. Natürlich steht bei dieser Rasse die Milchleistung im Vordergrund, allerdings wird ein sehr großer Augenmerk auch auf die Gesundheit und somit auf die lange Nutzungszeit (Langlebigkeit) gelegt. Durchschnittlich hält ein Landwirt bei uns 10-15 Milchkühe, was weit unter dem deutschen Bundesdurchschnitt liegt. Durch die immer mehr voran getriebene Globalisierung und die Orientierung am Weltmarkt können die Milch und Fleischpreise nur mühsam gehalten werden.
Es ist zu wünschen, dass möglichst viele der noch bestehenden Kleinbetriebe durchhalten können und vielleicht wieder bessere Zeiten auf sie zukommen.

Das Aufblühen der Allgäuer Milchwirtschaft

Wie entstand die Käsküche Deutschlands? Die große Agrarpolitik, verbunden mit währungspolitischen Maßnahmen, drängt immer mehr unserer Familienbetriebe an den Rand der Existenz. Die Aufgabe ihrer Betriebe würde aber nicht nur die Bauern selbst treffen und das Heer potenzieller Arbeitsloser vergrößern, sondern auch die Allgemeinheit, die im Allgäu umfangreich von und durch die Kulturlandschaft lebt. Unwillkürlich gehen die Gedanken zurück an den Anfang der Milchwirtschaft in unserer Region. Eigentlich ist es erst 160 Jahre her, dass sie innerhalb weniger Jahrzehnte in einer begeisternden Art aufgeblüht ist.

Wie kam es dazu?
Natürlich hat es im Allgäu von Anfang an eine bescheidene Art von Weidewirtschaft mit Milchviehhaltung gegeben. Daneben hat sich jedoch bis ins 19. Jahrhundert hartnäckig der
Ackerbau gehalten, obwohl er weder vom Klima her, noch von der Bodenbeschaffenheit als beständig anzusehen war. Die Erträge waren dementsprechend. 1765 gaben die "Bekenntnistabellen“ des Amtes Gebrazhofen einen Ertrag bei Dinkel an, der gerade dreimal so groß wie die Aussaatmenge war. Im vorherrschenden System der Dreifelderwirtschaft musste jeweils 1/3 des Landes unbebaut bleiben. Es "erholte“ sich zwar, wurde aber zum ständigen Unkrautbestand. Flurzwang und Weideordnung ketteten die Bauern auf Gedeih und Verderb aneinander. Noch 1817 schrieb Dismas Gebhard in seiner Schrift über Güterarrondierung: „Hier hauset eine Tyrannei mit furchtbarem Drucke. Der einsichtvolle Landwirt kann auf den zerstreuten Grundstücken seien Kenntnisse nicht anwenden, stets muss er seinen Gang nach dem eines langsamen und faulen Nachbarn richten.“ Bei der Tierhaltung fällt auf, dass die Milcherträge der Kühe oft nicht weit über die Versorgung des Kalbes hinausreichten. Dementsprechend lagen die Preise der Kühe niedriger als die der Schweine (15 Gulden gegen 25 Gulden), auch Stiere und Ochsen kosteten mehr.

Warum blühte die Milchwirtschaft nicht schon früher auf?

Da sie voll an Grünlandwirtschaft gekoppelt war, muss man sich daher fragen: Warum gab es vor 1830 keine intensive Grünlandwirtschaft?
Folgende Gründe werden dafür angeben:

Weidewirtschaft kann nur auf größeren, zusammenhängenden Grünlandflächen betrieben werden. Diese aber gab es vor der Vereinödung nicht, vielmehr herrschten Streifenflur und Gemengelage vor.

Flurzwang und Weidedienstbarkeit standen einer Verbesserung der Milchwirtschaft grundsätzlich im Wege.

Der tägliche Viehtrieb durch die um das Dorf liegenden Äcker zu den am Rand der Flur kümmernden Grünflächen war äußerst erschwert.
Wiesen und Weiden galten als „Armer Leute Besitz“, ihnen wurde keinerlei Bedeutung zugemessen.

Haltbare Produkte aus der Milch gab es im heutigen Sinne nicht. Käse war von minderer Qualität und geringer Haltbarkeit. Der Handel mit damit brachte kaum Geld in die Kassen.

Was also führte zur großen Wende?

Hier muss man an erster Stelle die Vereinödung erwähnen. Diese größte bauliche Initiative zur Selbsthilfe, die es je gab, bescherte den Bauern jene Agrarstruktur, die es ihnen endlich ermöglichte, große Flächen, noch dazu in der Nähe ihres Hofes, zu bewirtschaften. Die Vereinödung brachte im Einzelnen:

  • Die Aufhebung des Flurzwangs und der Weidedienstbarkeiten.
  • Eine Arrondierung der Flächen.
  • Die Einführung der Vierfelderwirtschaft (zunächst wurde der Ackerbau noch beibehalten).
  • Die Intensivierung der Agrarwirtschaft (wechselweise Nutzung Acker/Wiese).
  • Die Erhöhung der Nutzung auf dem Grünland und damit eine Erhöhung der Intensität der Bewirtschaftung.

Dies war vor der Vereinödung alles nicht geschehen. Ein weiterer Grund zur Umgestaltung der Agrarstruktur war die Tatsache, dass gegen Ende des 18. Jahrhunderts in England der mechanische Webstuhl erfunden wurde, mit dessen Hilfe es gelang, Leinentücher wesentlich schneller und billiger zu produzieren. Dadurch verlor der Flachsanbau im Allgäu völlig die wirtschaftliche Bedeutung, die er Jahrhunderte lang gehabt hatte. Da es zu den Einnahmen des Flachsanbaus keine entsprechende Alternative gab, setzte gegen Ende des 18. Jahrhunderts eine Verarmung ohne Beispiel im Allgäu ein. Aus dieser Lage ist auch der Begriff des „Notwenders“ Carl Hirnbein zu verstehen.

Die Milchwirtschaft blüht auf!

Die aufblühende Milchwirtschaft bescherte den Bauern nun monatliche Einnahmen. Als Ackerbauern hatten sie jährlich nur einmalige Erträge, die Geld in die Kassen brachten.
Damit den Rest des Jahres zu haushalten, war sicherlich sehr schwierig. Monatliche Einnahmen dagegen kurbelten die notwendigen Investitionen an. Ein weiterer Punkt, der für das Aufblühen der Allgäuer Milchwirtschaft sprach, waren die einsetzende Verkehrserschließung (Eisenbahnbau) und die Herstellung einer guten Käseware (Althaus, Hirnbein), die dann zu den großen Marktzentren gebracht werden konnten. Johann Althaus zeigte ab 1827, wie man große und haltbare Emmentalerlaibe herstellen konnte, Carl Hirnbein führte eine qualitativ hochwertige Weichkäserei ein. Der Handel blühte auf. Eine der Folgen davon war die Umwandlung von Galt in Sennalpen. Deren Werte stiegen drastisch an. So wurde die Alpe Laufbichel im Jahre 1853 mit 4.700 Gulden eingeschätzt, zehnmal so viel, wie sie vorher als Galtalpe gebracht hatte. Alpsennereien schossen wie Pilze aus dem Boden, die Initialzündungen für die Milchwirtschaft hatten allesamt gewirkt.

Allgäuer Vieh, manchmal auch Importe aus Tirol, Vorarlberg oder der Schweiz züchterisch verbessert, brachte durch die einsetzende konsequente Zucht einen immer höheren Milch- ertrag mit entsprechenden Einnahmen. Nicht zuletzt waren es also auch die Errungenschaften der sich ständig verbessernden Agrarwissenschaft, die das ihre zum Aufblühen beitrugen. Man nahm sich nun des Grünlands voll an, führte Schulen und Schulungen ein und erkannte, wissenschaftlich fundiert, die Rolle des Allgäus als Milch- und Käseküche Deutschlands.

So war das einstmals. Hoffen wir zu unser aller Gunsten, dass möglichst viele Bauern dem Allgäu erhalten bleiben, denn ohne sie wäre der Niedergang der ländlichen Kultur und der Landschaft nicht aufzuhalten.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
Dr. Peter Nowotny

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