Aus dem Heimatmuseum

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von Alex Rößle

Warum gibt es in Oberstdorf zwei Trachten?

Im Oberstdorfer Heimatmuseum finden wir im Raum 25 in einer Großvitrine zwei lebensgroße Puppenpaare, die sich in ihrer Bekleidung, die jeder sofort als „bayrische Tracht“ erkennt, deutlich unterscheiden. Beim rechten Paar herrscht die Farbe Grün und beim linken Rot vor. Wie kommt es, dass Oberstdorf zwei verschiedene Trachten besitzt?

Die Gebirgstracht, so wie wir sie heute kennen, entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das bayrische Königshaus förderte damals ganz bewusst die Trachtenbewegung, um das bayerische Nationalgefühl im neu geschaffenen Königreich zu stärken. Besonders die Bewohner der 1803 zwangsweise in Bayern eingegliederten Kleinstaaten, zu denen auch das Hochstift Augsburg mit Oberstdorf gehörte, standen dem Königshaus anfangs äußerst skeptisch gegenüber. Die Wittelsbacher verhielten sich deshalb besonders volkstümlich und trugen bei vielen offiziellen Anlässen selbst gerne diese Tracht. Es war auch ein geschickter Schachzug von Prinz Luitpold sich in Hindelang und Oberstdorf - und nicht in Altbayern - Jagdgebiete zu erwerben, die er nun regelmäßig besuchte. Das bestärkte die positiven Beziehungen der Allgäuer zum Königshaus gewaltig. 1852 führte er die kurze Lederhose, die er bei der Jagd natürlich auch selbst trug, für seine Jäger und Treiber verpflichtend ein. Bis dahin gingen die Oberstdorfer mit der Mode und die Frauen orientierten sich an der Mode des Biedermaiers. Da sie sich deshalb kaum von der immer größer werdenden Zahl von Sommerfrischlern unterschieden, bot das Tragen der Gebirgstracht eine willkommene Möglichkeit die eigene Identität zu betonen. So wurde es immer mehr Mode, bei öffentlichen Veranstaltungen, wie Tänzen, in Gebirgstracht aufzutreten. 1901 wurde schließlich im Gasthof zur Sonne ein Trachtenverein aus der Taufe gehoben, der es sich zum Ziel machte, die Trachten und Bräuche unseres Ortes zu pflegen und zu erhalten.
Damals wurde das Aussehen der Oberstdorfer Gebirgstracht festgeschrieben. Die Männer tragen kurze, grün bestickte Lederhosen, grüne Hosenträger mit aufgestickten Edelweißen, weiße Leinenhemden und einen grauen Tuchkittel. Haferlschuhe, hellgraue Kniestrümpfe und ein grüner Plüschhut mit Gamsbart komplettieren das Ganze. Bei der Frauentracht, die aus der früheren Werktagskleidung hervorgegangen war, fällt besonders die silberne Panzerkette mit Talern auf, mit der das schwarze Samtmieder kreuzweise geschnürt ist. Über dem hellgrauen Rock wird eine grüne Schürze getragen. Die Haare werden geflochten und hochgesteckt.
Nachdem einige interessierte Oberstdorfer beim Studium alter Bilder und Schriften feststellten, dass sich die um 1800 getragene Tracht deutlich von der bayrischen unterschied, wurde eine "Historische Tracht" entworfen.
Die Frauen tragen zum schwarzen, knöchellangen Plisseerock über einer weißen, hochgeschlossenen Baumwollbluse ein Mieder aus karminrotem Tuch. Über den Schultern liegt ein schwarzes Seiden- oder Spitzentuch. Die Schürze ist aus Baumwolle oder Seide. Ledige Frauen tragen auf dem Kopf die so genannte Reginahaube und die verheirateten einen breitrandigen Hut. Die Männer haben eine Bundlederhose mit roten, bestickten Hosenträgern aus Tuch, eine schwarze Jacke und einen Hut oder eine schwarze Zipfelmütze an.
Seit Beginn der 50er-Jahre treten jetzt neben den Schuhplattlern, welche die Gebirgstracht tragen, auch eine historische Trachtengruppe in der Oybelehalle auf. Im Heimatmuseum können Sie diese beiden Trachten genauestens vergleichen und auch ihre Vorgänger aus der Biedermeierzeit. Daneben finden Sie diverse Trachtenaccessoires, wie Edelweißhosenträger, Gamsbärte, Modlstrümpfe und Radhauben. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

Alex Rößle

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